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Auf den Spuren Mathew Bradys

 

Prälemenarien:

Photografie kann ein Abenteuer sein. Insbesondere wenn man sich mit den "Jurassic Park"-Modellen einer längst versunkenen Ära der Photografie beschäftigt. Aber ist nicht gerade das der Reiz, der das Photografieren ausmacht? Ich kann die alten Relikte einfach nicht wie viele Sammler nur in der Vitrine vor sich hinschmoren lassen. Da muss ein Film rein und dann müssen die Veteranen zeigen, was sie können. Oft gibts Überraschungen, wenn z.B eine "Leica III" von 1934 meiner "Minolta Dynax 700si" von 1995 locker das Wasser reichen kann.
Hier nun ein kleiner Bericht über einen besonders weiten Schritt zurück in die Vergangenheit der "Kunst, mit Licht zu malen". Gehen wir also gut 120 Jahre zurück...
 

Die Idee wird geboren

Die Idee, eine alte Glasplattenkamera zu reaktivieren,  gärte schon seit 1995 in mir. Als Westernhobbyist war mir auf den Westerntreffen, wo sich die Leute wie im 19. Jahrhundert anzogen und eine bestimmte Epoche der amerikanischen Geschichte (Trapper, Indianer, Unabhängigkeitskrieg, Bürgerkrieg etc.) repräsentieren, aufgefallen, das das "Outfit", daher die stilechte Kleidung und Ausrüstung oft hervorragend war. Photos von diesem Outfit wurden dann aber immer mit hochmodernen Kleinbildkameras auf  jämmerlich winzige 24x36mm "Filmfetzchen" gemacht. Ohne die moderne KB-Photografie schlecht machen zu wollen, aber alte Originalaufnahmen zum Beispiel aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), aufgenommen auf alte Kollodium-Glasplatten, haben einen eigenen Zauber, eine Auflösung, eine eigene Art der Perspektive, einen "Flair", der mit keinem modernen Spitzenfilm und mit keiner noch so hochtechnisierten KB-Kamera zu reproduzieren ist!
Warum nicht auch die Photographie ganz stilecht, passend zur Zeitepoche, gestalten? Eine alte Holz-Balgenkamera müsste man benutzen, mit grossformatigen S/W-Glasplattenegativen, ganz stilecht, mit Holz-Dreibeinstativ, schwarzem Tuch und Magnesiumblitz; wie zu Mathew Bradys Zeiten.
 

Die Idee nimmt Gestalt an
 

Im Juni 2000 habe ich es dann geschafft. Für 400DM konnte ich bei eBay eine Holz-Balgenkamera mit dem Glas-Negativformat 13x18cm ersteigern. Dazu gabs auch noch ein stilechtes Holz-Stativ. Die Kamera war in hervorragendem Zustand. Der Balgen bis auf ein paar harmlose Schimmelflecke fast wie neu. Das Gehäuse musste nur kurz mit Ballistol abgerieben werden und ein kleiner Holzriss wieder verleimt werden. Die Kamera ist russischer Bauart und überraschend neu: Ein russisches Herstellerschild weisst sie mit Serien-Nr. und dem Baujahr 1969(!!) aus!
Deswegen wohl auch der gute Erhaltungszustand. Wie und warum 1969 noch solche Appparate hergestellt wurden und benutzt wurden?  Eine Spezialkamera eines Photografen, oder ein voll funktionsfähiges Filmrequisit? Ich weiss es nicht. Sie entspricht in ihrem Aufbau jedenfalls exakt ihren 100 Jahre älteren Vorbildern, nur die Einstellknäufe sind aus Bakelit oder Guttapercha statt aus Metall. Das etwas ausgeleierte Stativ bekam einen neuen Schraubensatz und Unterlegscheiben, dann stand es wieder sicher und wackelfrei.
Das Objektiv war auf eine schwarze Trägerplatte aus Plastik geschraubt, die seitwärts vor die Kamera geschoben wurde. Diese hässliche Plastikplatte, die wohl schonmal als Ersatz gefertigt worden war, wich als erstes einer selbstgemachten, stilechten Holzplatte. Erste Tests im Garten unter dem berühmten "schwarzen Tuch" verliefen zu meiner vollen Zufriedenheit: Klar wurde das Objektivbild auf die Mattscheibe projeziert, natürlich auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt.


 
 

Die Holz-Plattenkamera, wie ich sie bei eBay ersteigert hatte.

Photoplatten - Und wo kriegen wir die nun her?
 

Die Kamera war also wieder "feuerbereit", nun fehlte nur noch die passende "Munition" im entsprechend aussergewöhnlichem "Grosskaliber". Anfangs hatte ich sogar die Idee, die Platten selber herzustellen, 100% stilecht im "Wet collodion process", wie es einige "Old Style Photografen" in den USA tatsächlich noch heute tun. Doch der Aufwand wäre gigantisch: Dutzende (teilweise giftige, brennbare, gefährliche) Chemikalien, eine transportable Dunkelkammer, da die Kollodium-Platten sowohl direkt vor Ort beschichtet, gleich belichtet und sofort entwickelt werden müssen, hatten noch zusätzlich angeschafft und gebaut werden müssen. Damit wollte ich mich noch nicht belasten, zumal ich so viel Equipment im PKW kaum transportieren konnte und ein Teil der benötigten Grundchemikalien, besonders Äther und Schiessbaumwolle, in Deutschland nicht frei erhältlich sind. Was ich brauchte, waren Gelantine-Trockenplatten, die Richard Leach Maddox 1871 erfand. Auch die wären also vom Zeitrahmen her noch stilecht genug.
Doch wer stellt denn noch die ebenfalls völlig aus der Mode gekommenen "Dry-Plates" heute noch her? Einfach Planfilm nehmen? Das wäre nicht stilecht! Nein, es musste sich auf "Teufel komm raus" um Gelantine-Trockenplatten aus Glas handeln. Alles andere wäre ein fauler Kompromiss (hatte ich doch schon beim "Wet collodion process" genug zurückgesteckt!)
Dieses Problem löste sich erstaunlicherweise viel schneller, als ich erwartet hatte:  Nach nur 30 min. Suche im WWW fand ich einen Photographica-Händler in Berlin (www.photo-grande.de) der auch noch Glas-Photoplatten in verschiedensten Formaten anbietet. Billig waren die Dinger nicht: 12 Stück kosten stolze 198 DM! Aber es ist ja auch kein Wunder, werden diese Platten doch nur in Kleinstserie von der Werningeroder Firma "Wephota" gefertigt.

Dr. Richard Leach Maddox,
der 1871 die Trockenplatte
erfand

Houston, wir haben ein Problem...

Und mit diesen Platten tauchte auch das erste, grössere Problem auf: Lieferbar waren sie nur in der Empfindlichkeit 100ASA/21DIN... und meine Kamera hatte zwar ein Objektiv mit Blende, aber keinen Verschluss. Der war wohl ursprünglich ein einfaches Abnehmen und Wiederaufsetzen der Objektivkappe. Damit kann man Platten mit sekundenlanger Belichtungszeit, wie sie damals üblich waren, noch belichten. Aber keine 100er-Platten... auch bei Blende 32 wäre ich immer noch zu langsam mit dem "Objektivdeckel-Verschluss" und würde hoffnungslos überbelichten.
 

Schnell auf und zu - Auf der Suche nach einem Verschluss

War da nicht ein alter pneumatischer Verschluss für Holzkameras bei eBay zu ersteigern? Schnell den Computer an und bei eBay reingeguckt... zu Spät! Gepennt! Auktion ist beendet und irgendein anderer glücklicher Sammler lässt wohl nun den Verschluss, den ich benutzen wollte, in einer Vitrine verstauben ... Schade.
Auch die Suche nach "Verschluss" in eBay brachte nichts brauchbares. Also nochmal die Abt. "Photographica" Stück für Stück durchgegangen...
Halt! Stop! Was ist das? Eine alte Kodak-Plattenkamera Baujahr 1908 in einem jämmerlichen Zustand: Das Objektiv fehlt, der Balgen hat Risse, die komplette Rückseite fehlt: Ein Wrack! Nicht mehr zu restaurieren! Aber das "Wrack" hat noch einen Verschluss und das Erstgebot steht auch nur bei 30DM! Könnte klappen... könnte klappen!
 

Auch 1908 gabs schon "Montagsserien", oder: Einen Verschluss wieder Leben einhauchen
 

Es bot auch sonst keiner mit. Ich war der einzige Irre, der für solch ein "ausgebranntes Wrack" bereit war, 30 Märker hinzublättern. Der Verkäufer muss sich ins Fäustchen gelacht haben, das er das Schrotteil  noch an einen Trottel für 30 DM "verklitschen" konnte.
Als das Ding kam, gabs auch eine herbe Enttäuschung: Der Kodex-Verschluss war zwar noch vorhanden, aber ebenfalls kaputt! Er klemmte, blieb entweder immer offen, oder immer geschlossen. Auch ein Spiritusbad löste das Problem nur so lange, wie der Verschluss im Spirtus lag; da funktionierte er einwandfrei, aber wenn er wieder abgetrocknet war, klemmte er erneut. Es bleib mir nichts anderes übrig: Ich musste das Ding zerlegen und reinigen.
Als erstes schraubte ich die Rückseite ab, und scannte die nun freiliegende, filigrane Mechanik mit meinem Scanner, damit ich hinterher noch wusste, wo welche Schraube oder Feder hingehörte. Immer mehr schraubte ich das Ding auseinander. In Kleinbild-Filmdosen sammelten sich sortierte Schrauben, Federn, Hebelchen, Unterlegscheiben etc.
Und ganz unten, bei den Verschlussegmenten, fand ich den Fehler! Der Verschluss bestand aus 5 Segmenten, und irgendein Werksarbeiter musste schon 1908 im Kodak-Werk auf eines der Hebelchen 2 Segmente übereinander "gestopft" haben! Dadurch war dieses Segment (das ja aus zwei Segmentblättchen übereinander bestand) zu dick und liess den Verschluss klemmen... schon seit 1908!
Das überflüssige Segment wurde entfernt, und der Zusammenbau gestaltete sich Dank meines gescannten Bildes als recht einfach... danach funktionerte der Verschluss wohl zum ersten Mal seit über 90 Jahren einwandfrei in allen Belichtungszeiten 1/25, 1/50, B und T! Auch die Blendenlamellen waren verbogen und verrostet und wurde nicht wieder mit eingebaut. Ich hatte die Blende ja im Objektiv meiner Kamera

2 Scans des Kodak-Verschlusses 
(offen und geschlossen) vor
der Reparatur

Der Verschluss bekommt eine neue Aufgabe und ein neues "Zuhause"
 

Den Verschluss setzte ich in ein kleines Holzkästchen zwischen Objektiv und Objektiv-Trägerplatte. Den Auslöser führte ich mit einem kleinen Drahtauslöser  nach aussen. Die Vorderseite, auf der das Objektiv sitzt, gestaltete ich als Klappdeckel mit Kugel-Schnappverschluss, damit ich an den Verschluss noch zum Einstellen der Zeiten rankomme. Die Ränder des Deckels umklebte ich mit schwarzem Filz, damit auch ja kein Lichtteilchen irgendwo anders durchkam als durch das Objektiv.
Da der Verschluss mit seiner max. Öffnung kleiner ist als die grösste Blende der Plattenkamera, kann ich nun nur die Blenden 11 bis 32 nutzen, alle anderen Blenden darüber sind grösser als der Verschluss, der ja aus einer Kamera mit kleinerem Negativformat stammt. Aber ich habe nun 4 verschiedene Verschlusszeiten, um auch 100ASA-Platten zu belichten. Das Ganze sieht auch noch stilecht aus.

Die Kamera nach dem Umbau mit Holz-
Objektivträgerplatte und Verschlusskasten 
zwischen Objektiv und Objektivplatte

Wir leisten "Entwicklungshilfe"

Mittlerweile stellte ich mir die Frage "Und wer entwickelt mir nachher die Photoplatten?" Anfragen bei Photohändlern und Photografen erzeugten erstauntes Kopfschütteln: "Was? Glasplatten? Da hatten sie vor 90 Jahren zu meinem U-Ur-Urgrossvater gehen sollen".
Also auch hier: Alles muss man selber machen!
Gab da nur ein kleines Problem... Ich photographiere zwar schon seit meinem 9 Lebensjahr, habe aber noch nie selber entwickelt. Mein einziges Photobuch, das sich mit der Filmentwicklung beschäftigte, war ein Kinderbuch ("Mit Deiner Kamera auf Jagd" von Fischer Flick-Flack), das ich mir auch als 9-Jähriger gekauft hatte. Zumindest konnte ich daraus entnehmen, was man alles zum selbst Entwickeln braucht. Neben dem Abenteuer "Plattenkamera" stürzte ich mich nun auch noch parallel dazu
ins Abenteuer "Photolabor".  Irgendwo sollten dann die beiden Unternehmen zusammenkommen und entwickelte Photoplatten liefern.
Aber wenn schon, denn schon wollte ich das Ganze gleich so aufziehen, das ich auch gleich meine KB-Filme und meine Rollfilme entwickeln und vergrössern konnte.
Auch hier wurde ich bei eBay fündig und konnte ein Komplettset mit Jobo-Color-Processor, Vergrösserer, Negativ-Entwicklungsdose, Papierentwicklungsdrum etc. ersteigern. Nun entstand also im Keller auch ein kleines Photolabor. Den Umgang damit und die Feinheiten der Photochemie musste ich noch erlernen. Die 13x18-Photoplatten passten natürlich nicht in den Jobo-Colorprocessor, geschweige denn in irgendeine serienmässige Negativ-Entwicklungsdose. Da musste ich mich dann wohl bei völliger Dunkelheit von Hand durch die 3 Schalen mit Entwickler, Unterbrecher und Fixierer "tasten". Dafür würden die Abzüge einfach werden: Einfach die entwickelte Photoplatte aufs Photopapier legen, belichten, und das belichtete Photopapier ab in die Jobo-Papierdrum... bei dem Riesenformat ist ein Vergrössern ja gar nicht nötig.
 

Auf der Suche nach Plattenkassetten

Mittlerweile machte ich mich wieder im WWW auf die Suche. Diesmal nach weiteren Kassetten für die Glasplatten, da bei der Kamera nur eine Doppelkassette dabei war. Auch hier wurde ich glücklicherweise schnell fündig. Bei www.photographica-world.de waren noch Holz-Kassetten für 13x18-Platten zu bekommen. Die Aussenmasse von 5 Kassetten kamen auch ungefähr passend zu meiner Kamera hin. Bei einigen musste ich Holz an den Rändern wegschleifen und Messingecken anschrauben, auf die etwas zu kleinen Kassetten wurden aussen Holzleisten aufgeleimt. Am Ende wurde das Holz noch überarbeitet, neu gebeizt und mit Leinölfirnis eingerieben. War ein wenig fummelig, aber am Ende hatte ich insgesamt 6 Doppelkassetten für 12 Photoplatten.
 

Out of the Dark into the Light: Erste Ergebnisse aus der Dunkelkammer

Nebenbei übte ich das Selbstentwickeln mit KB-Schwarzweissfilmen. Da ich zur Zeit auch zwei alte Leica-III Kameras im Funktionstest hatte, konnte ich die Testfilme gleich selbst entwickeln. Klappte auch alles überraschend gut, beide Leicas waren voll funktionsfähig und auch die entwickelten Filme waren zu meiner Zufriedenheit. Auch am Vergrösserer übte ich nun und viel Photopapier landete im Papierkorb, aber bald hatte ich den Dreh raus.
 

Es geht los: Die ersten "scharfen Schüsse"

Mitte Oktober 2000 kamen meine 12 Photoplatten endlich an. Nun hatte ich alles für die ersten Testbilder zusammen. Im Photolabor hatte ich mittlerweile auch die C41- und RA4-Prozesse für Farbbilder in den Griff bekommen. Konnte also eigentlich auch bei den Platten nichts mehr schiefgehen... dachte ich... aber da hatte ich falsch gedacht...!
 

7.10.2000: Erste Versuche mit Photopapier
 

Um moglichst wenig der teuren Photoplatten zu "versaubeuteln", machte ich die ersten Aufnahmeversuche direkt auf Photopapier (Tetenal Work Baryt 13x18cm). Natürlich entstanden dabei Negative auf Positivpapier. Auch das Objektiv der Kamera lernte ich nun besser kennen. Es lieferte fast kreisrunde Bilder, die zu den Rändern hin unschärfer werden. Wie bei vielen der alten Kameras aus dem 19. Jahrhundert üblich (deswegen haben wohl auch so viele Photos aus der Zeit um 1860-1890 ovale Schmuckrahmen).
Die Negativ-Bilder brauchten Belichtungszeiten von 1,5 Min. bei Blende 32 und ca. 45 bis 60 Sekunden bei Blende 24. Alle anderen, grösseren Blenden lieferten zu unscharfe Ergebnisse. Der Tag war allerdings sehr trüb und verregnet. Ich schoss die Photopapier-Bilder von unserer Terasse aus, da dort die Kamera durch einen Balkon gegen den Nieselregen geschützt wurde.
Die Negativbilder scannte ich in den Computer, um sie dann zu invertieren und so auf elektronischem Wege zu einem Positivabzug zu kommen. Die Ergebnisse sahen schon ganz gut aus. Etwa 12cm der kurzen Seite und 14cm der hohen Seite der Photoplatten konnten für die Aufnahme genutzt werden.

Eine der Aufnahmen direkt auf Photopapier bei
Blende 22 mit ca. 60 Sek. belichtet
 

Dieselbe Aufnahme, am Computer invertiert

8.10.2000: Der erste "scharfe Schuss" geht daneben :-(

Tja, und dann wurde es Zeit für den ersten "scharfen Schuss" auf eine der teuren Platten. Dazu zitierte ich meine Eltern als "Photo-Opfer" auf die Terrasse und belichtete bei Blende 32 (damit möglichst viel auf dem Bild scharf wird) 0,5 Sekunden. Mit der Plattenkassette verschwand ich nun in der Dunkelkammer. Leider lag den Platten kein Entwicklungsdatenblatt bei, aber nach Anfrage bei Photo Grandé konnte ich mich an klassichen KB-Schwarzweissfilmen wie den "Ilford FP4" oder dem "Orwo NP20" orientieren. Ich fand in den Tetenal-Entwicklungsdatenblättern den FP4, den ich als "Vorlage" nahm.
Ich entwickelte (bei totaler Dunkelheit) 12 Min. mit "Tetenal Ultrafin Liquid" bei 1:20 Verdünnung, liess das Stoppbad 5 Min. einwirken, und fixierte dann in "Tetenal Superfix" 7 Min. danach legte ich die Platte ins Wasserbad und schaltete erwartungsvoll das Licht an...
WOW! Da war das Bild auf der Platte! Noch sehr unterbelichtet, aber es hatte tatsächlich geklappt! Doch "grande Merde!", wie der Franzose wohl sagen würde, dann passierte es: Leichte Blasen bildeten sich auf der Platte, Emulsionsfahnen waberten durch das Wasser: Verdammt!! Vorsichtig nahm ich die Platte nach nur 1 Min. aus dem Wässerungsbad, das Bild auf ihr zerlief in Schlieren, tropfte dunkel ins Wasser. Nur ein jämmerlicher Rest Emulsion hielt sich am Plattenrand: Verdammt! Verdammt!! Gottverdammte Sch.....!!! Himmelhergottkruzitürkensakramentanochamoa!!!!
Irgendwas war gründlich schiefgelaufen, irgendwo habe ich was falsch gemacht. Hatte ich nicht genug fixiert? Hatte das Wässerungsbad oder das Licht die Ablösung der Emulsion von der Glasplatte ausgelöst? War das Wässerungsbad zu warm (etwa 25-28°C) Durfte ich die Platte überhaubt wie einen KB-Film wässern?
Wie dem auch sei, eine Glasplatte war nun "versaut", aber ich schrieb gleich eine kurze E-Mail an den Plattenhersteller (Fa. Wephota in Werningerode) mit der Frage, wo mein Fehler liegen könnte und was für Entwicklungsrichtlinien sie empfehlen, denn noch ein Platte wollte ich nicht "vergeigen". Erstmal müssen Daten ran, dann konnte der nächste Versuch stattfinden.
 

25.11.2000: Der zweite Versuch...
 

Der Chef von Wephota höchstpersönlich schickte mir das Analysezertifikat der etwa 40-50 Platten die in September 2000 hergestellt worden sind (12... äh,... jetzt nur noch 11 dieser Platten hatte ich ja :-) und die dortigen Daten sahen doch etwas anders aus, als ich im ersten Versuch angenommen hatte.
Als, zweiter Anlauf: Wieder wurden meine Eltern als "Photo-Opfer" (sie kannten die Prozedur ja nun langsam ;-) hinauszitiert, schien doch heute ausnahmsweise mal die Sonne. Belichtungszeit wählte ich diesmal 2 Sekunden bei Blende 32.
Bei der Entwicklung hielt ich mich an die Wephota-Daten. Statt A71 oder D19-Entwickler nahm ich aber wieder "Ultrafin Liquid" von Tetenal. Entwicklungszeit nun 8 Min bei 1:20. Den Kipprhythmus einer Jobo-Dose "simulierte" ich durch leichtes Schwenken der Entwicklerschale. 10 Sek. "kippen", 50 Sek. Pause.
Nach 8 Min. mit dem Gummihandschuh die Platte vorsichtig am Rand angefasst, aus der "Entwicklerbrühe" raus und nur 15 Sek. ins Stoppbad. Dann 4 Minuten in den Fixierer ("Superfix" von Tetenal), den ich zusätzlich noch mit dem Tetenal-Härtezusatz versehen hatte. nach 4 Min. in die Wässerungschale mit der Platte, deren Temperatur ich ebenfalls penibel auf 20°C eingestellt hatte...
Licht an!
Blick in die Wässerungschale mit böser Vorahnung... das Bild ist da, gut belichtet, auch richtig entwickelt, gut durchgezeichnete Schatten und schon ganz gute Helligkeitswerte. Doch würde es die nächsten Minuten überleben? Ich wartete auf das verräterische Blasenwerfen... doch nichts tat sich... Ich wechselte das Wasser, liess neues, temperiertes Wasser nachlaufen...

Die erste gelungene Aufnahme ist im Kasten!
Hier als Kontakt-Abzug auf "Tetenal Work Baryt" Gradiation 3,
getont mit 2-Bad-Sepiatoner (wegen des antiken Braunstiches)

Bilder von mir überdauen bis in alle Zeit...

Naja, ganz so übertreiben will ich nun doch nicht, aber die 30 Min. Wässerungszeit überstand die Platte diesmal absolut unbeschadet. Nun nur noch ein Spritzer Netzmittel (Agfa Agepon), und raus zum Trocknen! Nun mochte das "Bild von mir" zwar nicht unbedingt "bis in alle Ewigkeit überdauern", aber eine Lebenserwartung von 100-150 Jahren bei sachgerechter Lagerung müsste ja schon drin sein. Viele alte Platten beweisen ja diese Lebensdauer noch heute.
Es dauerte gut 4 Stunden, bis die Platte vollständig durchgetrocknet war. Ein wenig Staub hatte sich auf der Emulsion breitgemacht. An diesem Fehler muss ich noch arbeiten. Auch die Objektiv/Verschlusskombination muss möglicherweise nochmal überarbeitet werden, da der Abstand Objektiv-Verschluss wohl zu gross ist und der Strahlengang dadurch zu weit eingeengt wird (nur ca. 60-65% der möglichen Plattengrösse werden z.Z. ausgenutzt). Der Verschlusskasten muss also noch flacher gestaltet werden, damit Objektiv und Verschluss möglichst dicht zusammenstehen.
Aber es hatte geklappt! Die erste Belichtung in klassischer Art auf Photoplatte, fast wie bei Mathew Brady!
Einige Tage später machte ich die ersten Abzüge als Kontakt-Print. Mein Vergrösserer diente (mit voll aufgedrehtem Objektiv und ohne Negativ in der Negativbühne) als Lichtquelle und nach dem Entwickeln wurde das Bild mit Sepiatonung noch fix um 120 Jahre gealtert :-)
 

Nachtrag vom 3.12.2000:

Ich habe den Verschlusskasten nun um 1,2 cm verkürzt und tatsächlich hat sich der Bildkreis der auf die Mattscheibe projeziert wird,  nach ersten "Trockentests" nach allen Seiten um gut 2,5cm vergrössert. Mit weiteren Testaufnahmen ist im Moment aber nicht viel zu wollen, da Herbst und Winter bekanntermassen nass, regnerisch, trüb und windig sind.

 

Nachtrag vom 27.12.2000: Dilettanten óle!

Tja, die Kamera war also in Ordnung... aber irgendwie wurde ich in den Wochen nach der ersten gelungenen Testaufnahme den Verdacht nicht los,
das die Kamera eben nicht 100% OK ist. Irgendwie störte mich der enge Bildkreis, auch wenn ich ihn durch Kürzung des Verschlusskastens
vergrössern konnte. Auch die Randverzerrungen des Objektivs waren alles andere als normal. War das wirklich bei allen alten Linsen so? Meine
anderen alten Mattscheiben-Apparate (Voigtländer "AVUS" und "Bergheil") waren zwar jüngeren Konstruktionsdatums, aber das Bild dieser alten
Grossformat-Apparate war bis in die Ecken klar und unverzerrt. Ein riesiges, altes Messingobjektiv befindet sich noch in meinem Besitz.
Es muss so um 1860 rum gebaut worden sein und ist wohl für eine Daguerrotypie-Kamera gedacht (Steckblenden, eigene
Schraubfokus-Einstellung). Das Objektiv, provisorisch auf die Trägerplatte der Holzkamera gesetzt, zeichnete komplett bis in die Ecken
auf der Mattscheibe scharf! Wieso ist die Original-Linse der Holzkamera eigentlich vorne flach wie ein Brett? Sowas habe ich noch nie bei einer Photooptik gesehen. ist das richtig so? Da ist doch irgendwas faul...!! Ist die russische Optik denn so mies?
Nein, nur der "Dilettant", der das Ding (vor weiss ich wie vielen Jahren wohl schon) mal falsch wieder zusammengeschraubt hat. Und ich selbst
verdiente auch den "Idiotenorden am baumelden Bunde mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten", weil "ich Doof" über ein halbes Jahr
brauchte, um das überhaubt erst zu merken! Die vordere Linse des Objektivs war verkehrt herum eingebaut!
Ein reines Wunder, das das erste Testbild überhaubt was geworden ist! Probeweise, auf den du mpfen instinktiven Verdacht hin, die Linse also
mal anders herum reingeschraubt, und siehe da: Die Kamera zeichnet bis in die letzte Ecke der Mattscheibe messerscharf, absolut unverzerrt und
kristallklar.

Fortsetzung folgt...

Und was kommt als nächstes? Das "Abenteuer Plattenkamera" ist ja noch lange nicht vorbei! Weitere Experimente (u.A. mit dem gekürzen Verschlusskasten) werden folgen. Auch die Abzüge werden ein Kapitel für sich: Barytpapier? Selentoner? Goldtoner, gar vielleicht "Albumen-Printing"? Zur Zeit favorisiere ich in meiner Planung neben dem doch recht modernen Barytabzug das "Argyrotypie"-Verfahren, für das es bei Phototec sogar ein Komplettset gibt: es ist einfacher, als sich aus zwei dutzend Eiern eine "Albumen"-Beschichtung selbst zusammenzumixen, aber noch kompliziert genug, so dass es bestimmt eine spannende Fortsetzung dieser Geschichte abgeben wird.
Auch gibt es diverse Photoemulsionen von Tetenal (Work Fotografik Emulsion) oder MACO (Black Magic), die zwar eigentlich dafür gedacht sind, als Positivmaterial wie Photopapier zum Beschichten von Textilien, Keramik usw. zu dienen, die eventuell aber auch dazu taugen könnten, bei verlängerten Belichtungszeiten von 20-60 Sekunden auch als orthochromatische Negativplatte zu arbeiten. Die Glasplatten würde ich mir vom Glaser zuschneiden lassen. Beschichtung und Entwicklung könnten bei rotem Dunkelkammerlicht stattfinden (halt wie festgradiiertes S/W-Photopapier) und billiger würden mich die Platten dann auch kommen.
 

Carsten Corleis für Classic Camera Reference

Juni bis Dezember 2000
 
 

Anhang Firmeninfos:
 

Online-Auktion:

www.ebay.de

Photolabor und Zubehör:

www.jobo.com

Photoplatten (Vertrieb): 

www.photo-grande.de

Photoplatten (Hersteller):

www.wephota.de

Photochemie und Photopapier:

www.tetenal.com

Photantiquariat (Holzkassetten):

www.photographica-world.de

Argyrotypie-Set:

www.phototec.de

Im Artikel erwähnte Markennamen sind das Eigentum der jeweiligen Firmen. Ihre Erwähnung ist keine Kaufempfehlung sondern nur eine wertfreie Aufzählung der von mir verwendeten Produkte/Geräte usw.  Auch mit Produkten/Geräten anderer Hersteller ist möglicherweise dasselbe (oder gar ein besseres? ich experimentiere noch) Ergebnis zu erzielen.


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